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Was werden sich die Mütter meiner Schüler am Sonntag freuen.

(Leider nur mit der Handykamera aufgenommen. Die Farben sind eigentlich viel wunderschöner. Rot. Lila. Rosa. Flieder.)

Ich habe heute den Vater eines Schülers im Schlafanzug gesehen. Das wollte ich eigentlich gar nicht.

Meine Sorgen waren zum Glück unbegründet. N. stand heute Morgen gesund und munter vor mir und ein Gesprächstermin mit der Betreuerin ist vereinbart. 

Obwohl die Muffins so gänzlich wow waren, konnten sie das vorherrschende Brrrgefühl nicht so wirklich verscheuchen. Immer wieder am letzten Ferientag kämpfe ich damit. Auf irgendeine Art und Weise freue ich mich auf die Schule, auf die Kinder, auf das Wiederarbeiten, und trotzdem steht dieser erste Schultag nach den Ferein immer wie eine Wand vor mir. Den ganzen Tag über grüble ich schon darüber nach, woran dies liegen kann. Klar sind Ferien immer eine schöne Zeit: viel Familie, Enspannung, Zeit für Dinge, zu denen man während der Schulzeit nicht kommt, Urlaub, Verabredungen. Aber das ist es nicht nur. Vor allem genieße ich die Unbeschwertheit, die Leichtigkeit des Seins und ich weiß, dass mit dem Ende der Ferien der Lebensrhythmus wieder schwerer sein wird. Ich werde wieder damit zu kämpfen haben, den Spagat zwischen Schule und Familie irgendwie auf die Reihe zu bekommen und ich werde mich wieder mit Facetten des Lebens auseinandersetzen müssen, die von Leichtigkeit weit entfernt sind. Was wird mich morgen erwarten, wenn ich wieder vor meiner Klasse stehe? Mit was für Erlebnissen werden die Kinder aus den Ferien kommen? Während ich mir heute meine Gedanken über den morgigen Tag machte, fiel mir die Geschichte ein, die mir vor ein paar Jahren ein damaliger Schüler nach den Osterferien erzählte. Die Geschichte, die von seinem Vater handelte, der bei einem schlimmen Streit mit seiner Mutter eine Wohnzimmerglastür eingetreten hatte, von seiner Mutter, die die Polizei rufen musste, um den tobenden Vater aus der Wohnung zu bekommen und von Eiern, die den ganzen Streit ausgelöst hatten, weil der Vater sich darüber geärgert hatte, dass die Mutter so viele Ostereier mit ihrem Sohn gefärbt hatte. Ich denke, dass mir auch das ein Stück weit bevor steht, nicht zu wissen, was einen morgen erwartet. Aber, auch wenn dieser letzte Ferientag immer so furchtbar brrrr ist, weiß ich, dass ich morgen aus der Schule kommen werde und sagen kann: Nun ist wieder gut. Nun bin ich wieder drin. Und das ist ein Glück.

Ich glaube, von dem heutigen Besuch im Kuhstall habe ich den ganzen Tag was. Ich dünste aus.

Am Montag habe ich die Mutter von F. kennengelernt. Lange, glatte, rotbraune Haare, etwas rausgewachsen, es schimmert blond an den Ansätzen. Ich habe sie morgens beim Bringen gesehen und kurz mit ihr gesprochen. Ich habe sie Mittags beim Abholen gesehen und ein langes Gespräch mit ihr geführt. Ich habe sie gestern wieder zweimal gesehen, beim Bringen und beim Abholen. Heute wurde das Kind von einer anderen Frau gebracht. Kurze, gelockte, rotblonde Haare. Die Familienähnlichkeit ließ nur einen Schluss zu: das ist die Schwester der Mutter. Also begrüßte ich die Frau mit einem fröhlichen Guten Morgen, Sie sind also die Tante von F.? Schön, dass wir uns kennenlernen. In dem Moment, in dem die Frau anfängt zu sprechen, fühle ich mich bestätigt, die sieht ihrer Schwester nicht nur unheimlich ähnlich, die spricht auch noch genau wie sie. Leider sagt die Frau dann: Nein, immer noch die Mutter. Oh, häh, aber die Haare? Und kurz bevor ich noch weiter in dem Napf rumtrampel und sie frage, ob sie beim Frisör gewesen sei, wird mir klar, dass sie die letzten beiden Tage ein Perücke aufgehabt hatte. Gut, also keine rausgewachsene Tönung, nur ein schlecht sitzendes Ersatzhaar. Und gut, dass gerade die anderen Kinder kommen und ich mich irgendwie aus der Nummer rauswinden kann. 

(Später, als die Mutter weg ist, unterhalte ich mich mit F. über die Haare seiner Mutter. Wenn meine Mutter keine Lust mehr auf lange Haare hat, schwups, nimmt sie sie ab.)

Elterngespräche, tja Elterngespräche. 

In meinem ersten Berufsjahr waren Elterngespräche das Schrecklichste, was mir passieren konnte. Man hatte mich gut darauf vorbereitet, wie ich mit Schülern umzugehen habe, aber Eltern. Brrrr. Wenn die nun plötzlich was von mir wissen wollten und ich so schnell keine passende Antwort darauf hatte. Wenn die mit nichts außer Vorwürfen kamen und man vom ersten Augenblick in die Verteidigung gehen musste. Es gibt Elterngespräche, an die erinnere ich mich mit Grausen.

Mittlerweile habe ich viele Elterngespräche geführt. Auf der Lehrer- und auf der Elternseite. Und das ist übrigens eine nicht zu verachtende Erfahrung, dass ich immer wieder auch den Blick von der Elternseite nachvollziehen kann.

Elterngespräche machen mir mittlerweile keine Angst mehr. Trotzdem gibt es Elterngespräche, die einem sehr bevor stehen. Aus so vielen unterschiedlichen Gründen. Weil man mit den Eltern etwas besprechen muss, was schwer für die Eltern sein wird. Oder weil man weiß, dass die Eltern sehr schwierig und wenig gesprächsbereit sein werden. Oder weil man weiß, dass das Gespräch eine Gratwanderung wird. Eine Gratwanderung, um das zu erreichen, was man für das Kind erreichen möchte.

Es gibt Elterngespräche, die sollte man nur zu zweit führen.

Es gibt Elterngespräche, bei denen redet man über alles, nur nicht über das Kind.

Es gibt auch so Stelldirvorwasmirpassiertistgespräche unter Lehrern. Der Kollege erzählte, dass beim letzten Elterngespräch die Mutter mit einer Tüte Chips reinkam und während des ganzen Gesprächs gefuttert hat.

Die liebste Kollegin musste mal ein Gespräch führen, bei dem es um ganz viel ging und da war vorher unter anderem auch die Frage des eigenen Outfits, so mit allem Drum und Dran, wichtig.

Ich hatte heute ein Elterngespräch, einigermaßen nett angezogen und gepflegtes Drum und Dran, und mir gegenüber Eltern, die nicht so viel Wert auf das Einigermaßen und schon gar nicht auf das Drum und Dran legen. Mitten im Gespräch ging es mir durch den Kopf, die Frage, wie ich auf diese Eltern wirke. Ob ich sie verunsichere, ob ich ihnen Angst mache? Ich versuche, mich in der Art und Weise wie ich mit ihnen kommuniziere, ganz stark auf sie einzulassen und trotzdem bin ich mir sehr sicher, dass meine Kompetenz und meine Erscheinung den Eltern deutlich machen, dass wir uns nicht auf einer Ebene begegnen. Und bei aller Empathie muss ich sagen, das ist einfach so.

Manchmal weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Ein Schüler erzählt heute, dass sich seine Eltern einen Hund gekauft haben. Ein Hundemädchen. Große Aufregung in der Klasse, viele Fragen. Und dann sagt einer Ein Hundemädchen, das ist toll, da könnt ihr Babyhunde rausholen und dann habt ihr ganz viele.

Die Formulierung ist zum Lachen. Das Bild, das dieser Junge von der Welt um ihn herum hat, ist zum Weinen. 

M (9): Du, Frau Antonmann, ich konnte gestern nicht in die Schule kommen, ich hatte so trockene Lippen.

(Ich habe ja früher gerne gesagt, ich hätte Menstruationsbeschwerden gehabt. Da war ich schon älter.)

Heute mit einer Frau gesprochen, die so schlimm geschminkte Augen hatte, dass ich diese Augen ständig angucken musste.

Heute mit einem Mann gesprochen, der so ungeputzte Zähne hatte, dass ich diese Zähne ständig angucken musste.

Wissen Sie, was das Allerschlimmste ist? Dass Montag Rosenmontag ist und ich so überhaupt gar kein Lust habe, mich zu verkleiden. Letztes Jahr war ich Nonne, aber auch nur, weil eine Kollegin dieses Kostüm im Schrank hatte. Ob ich es eventuell wage, mich einfach nicht zu verkleiden? Vielleicht könnte ich ja sagen, dass ein böser Hund mein Kostüm zerrissen hat oder, dass ich nicht wollte, dass sich die Kinder, die kein Kostüm haben, ausgegrenzt fühlen oder, dass ich einfach so bleiben möchte wie ich bin.

Auch wenn es bei uns erst nächste Woche Zeugnisse gibt, hat mir die Idee von Frau DüneSieben gefallen. Darum gibt es hier meinen ersten Schultag und die Erkenntnis, dass ich seit über 30 Jahren die Schule nicht mehr verlassen habe. 7 verschiedene Schulen waren es seit diesem Tag, nur die Seite hat sich irgendwann geändert. Und 3 Schulblickwinkel trage ich in mir: Schülerin, Lehrerin und Mutter. Ich glaube, das mit der Mutter ist der schwierigste Job.

Ein Kind, das auf die Nase fällt, kann wie ein Schwein bluten.

(Die graue Variante zum Händetrocknen erweist sich auch in diesem Einsatzbereich in Punkto Saugkraft als äußerst ineffektiv.)

Manchmal ist es sehr ermüdend und kräfteraubend, kleinen Menschen die Zahlzerlegung im Zahlenraum bis 10 zu vermitteln. Besonders, wenn diese kleinen Menschen sich allgemein sehr schwer tun mit dem Lernen.

Wir spielen mit der großen Zerlegungskiste, wir basteln kleine Schüttelboxen aus Streichholzschachteln, wir lassen Kinder ins Zahlenhaus einziehen, wir lassen Ruderer in Rechenschiffchen einsteigen, wir haben viel Spaß und feiern Rechenkönigfeste. Und wenn ich mich nach all dem Tun mit einer Schüttelbox schüttel, schüttel schüttel neben das ein oder andere Kind setze, dann schaut mich das ein oder andere Kind mit großen Augen an und gibt mir einen wunderbaren Einblick in sein Reich der Mathemagie. 

Zeit für mich, mal kurz in die Tischkante zu beißen und mir für morgen was Neues auszudenken.

Das schlimmste Zeugnis schiebe ich die ganze Zeitvor mir her.

(Eigentlich habe ich ja so eine kleine interne Regel. Ich öffne alle noch zu schreibenden Zeugnisse und nehme immer das, was gerade kommt. Mal denke ich och, das geht schnell und mal denke ich okay, dann habe ich’s halt hinter mir. Aber das eine, das überspringe ich ständig.)

Ich durfte heute einen dicken Frosch küssen. Ob er allerdings zum Prinzen wird, ist noch nicht klar.

Heute in der Grundschule wurde den Kindern das Buch von Frederick vorgelesen. E. rutschte beim Zuhören immer dichter an mich ran, legte irgendwann seinen Kopf auf meinen Schoß und streichelte versunken meine Strumpfhosenbeine. Kollegin und ich schmunzelten uns verstohlen zu.

Das ist aber auch ein schönes Buch.

Es gibt bestimmt eine große Firma, die stellt nur Schultoilettenpapier her. Sie wissen schon, dieses graue, harte, das so muffig nach altem Papier riecht und so, sagen wir, ineffektiv in der Benutzung ist, mit so wenig Saug- und Wischkraft, das sich nur durch mehrmaliges Spülen in den Abfluss quälen lässt. In dieser Firma arbeiten bestimmt nur ganz unglückliche Menschen, mit grauer Haut, grauen Gedanken und grauen Kitteln.

Der Erste erzählt, dass er in den Ferien bei seiner Oma war, dass er bei seiner Oma gekotzt hat, dass er Silvester nicht geknallt hat.

Der Zweite erzählt, dass er in den Ferien einen Skorpion bekommen hat, dass der Skorpion ihm in die Hand gebissen hat, dass er deswegen im Krankenhaus war.

Der Dritte erzählt, dass er bei seiner Oma war, dass er im Schwimmbad war, dass das Wasser ganz kalt war.

Der Vierte erzählt, dass er ein Fahrrad zu Weihnachten bekommen hat, dass er noch nicht damit gefahren ist.

Der Fünfte erzählt, dass er auf einer Hochzeit war, dass auf der Hochzeit jemand gestorben ist, dass der eine Batterie im Herz hatte, dass das eine Unglückshochzeit war.

Der Sechste erzählt, dass er Murmeln und ein rote Trinkflasche zu Weihnachten bekommen hat.

Der Siebte erzählt, dass er keine Weihnachten gefeiert hat.

Der Achte erzählt, dass er bei seiner Oma war, dass er bei seinem Vater war, dass er bei seiner Mutter war.

Die Neunte erzählt, dass sie eine Puppe zu Weihnachten bekommen hat, dass sie Wunderkerzen schön findet.

Der Zehnte erzählt, dass sein Vater an Silvester mit Knallern nach ihm geworfen hat.

Der Elfte erzählt, dass er zu Weihnachten Inliner, Lego und ein Ritterburg bekommen hat.

Der Zwölfe erzählt, dass er bei seiner Oma war, dass er Die kleine Hexe und Das kleine Gespenst zu Weihnachten bekommen hat, dass er übermorgen erst wieder nach Hause gekommen ist.

Ach ja, Schule hat wieder angefangen und alle sind gesund und munter aus den Ferien gekommen.

Bitte schön, Mama Schwaner.

Man hat’s schon nicht leicht als Lehrerin.

(Und, Frau Jette, was sagen se jetzt dazu?)

Wenn man nach der Schule nach Hause kommt und als erstes das dringende Bedürfnis hat, zu duschen, dann war der Schultag anscheinend so richtig scheiße. Wirklich und wahrhaftig. Schlimmer kann es nicht mehr werden.

Zwar schauten meine Schüler zunächst etwas irritiert, als ich sie aufforderte, mir ein Bild von Schlonze zu malen, aber die lautmalerische Qualität dieses Wortes hat sie dann doch animiert. Bei einem sind sich alle sicher, Schlonze ist ein Tier. Ein gefährliches Tier, meist mit einem gesunden Appetit.

Da haben wir zunächst den Hasenschlonze, der so stark ist, dass er ein Haus zerstören kann. Außerdem hat er gefährliche Stacheln, die ihn sehr an einen Igel erinnern lassen.

Der Wolfschlonze lebt vornehmlich im Wald und ernährt sich von Würmern. Seine bunte Farbe täuscht darüber hinweg, dass er eigentlich ein ganz gefährlicher Bursche ist.

Der Hundschlonze ist ein ganz Genügsamer und möchte sich lediglich an den Tisch setzen. Was er da machen möchte, weiß ich nicht. Essen kann es auf jeden Fall nicht sein.

Das Schlonzenpferd hat gefährliche Stacheln. (Der B. malt zur Zeit ständig Pferde und ist ganz stolz wie gut ihm das gelingt. Da liegt ein Schlonzenpferd natürlich nahe.)

 

Am Besten finde ich die beiden Schlonzenmonter von A.. Die berühren sich irgendwie und kommen schon ganz dicht an Schlonze ran.

Und wenn Sie nun immer der Meinung waren, dass man Schlonze essen könne, vergessen Sie’s. Ich habe meine Schüler gefragt und die schrieen ganz laut ihhh.

(Ich hätt’s nicht besser gekonnt.)

Wie lange dauert es, bis ein Küken aus einem Hühnerei schlüpft? Diese Frage beschäftigte heute meiner Schüler.

Im Sachunterricht gab es einen Versuch mit rohen Eiern. Vier Eier blieben dabei heile und die stolzen Eierbesitzer beschlossen: Die brüten wir aus.

Aus transportpraktischen Gründen baute ein Schüler ein Nest aus Papier, die anderen drei legten ihre Eier in Plastikbecher. Liebevoll betteten sie sie auf Watte und deckten sie mit Papiertaschentüchern zu. Und dann warteten alle gespannt. Auf die kleinen Küken.

Manch einer hoffte, dass die Niederkunft bereits während der großen Pause stattfinden würde, andere bemerkten, dass sich das Ei schon bewegte. Überall mussten die Eier mit hin. Zum Spielen in die Bauecke, zum Händewaschen an der Spüle, zur Lesezeit in den Stuhlkreis und zum Trommelunterricht. Manch einer suchte auch mal verzeifelt nach seinem Eierkind, fand es dann schließlich zwischen den Büchern in der Leseecke wieder und wurde von den Mitschülern als verantwortungsloser Eiervater beschimpft. Und was hättste gemacht, wenn das Küken da nun plötzlich ausgeschlüpft wäre?

Zum Schulschluss trugen vier glückliche Kinder ihre rohen Schätze nach Hause und ich weiß, dass das nächste Thema des Sachunterrichts heißen wird: Vom Ei zum Huhn.

Montagserzählkreis. Die Kinder erzählen vom Wochenende.

B. ist dran und erzählt, dass er mit seiner Playstation gespielt hat. Ich weiß dann schon was folgt. Die anderen Kinder werden plötzlich munter, fragen nach, tauschen sich aus, jeder hat etwas beizutragen. Kleine, aufgeregte Fachmänner. Und während die Kinder so plaudern, fällt mir auf, dass die alle nicht pläjstäjschn sondern blähstäjschn sagen. Meine Gedanken schweifen ab und sich stelle mir so eine Blähstation vor. Ein tolles Ding. Bestimmt.

Da viele meiner Jungsschüler beim Schwimmunterricht die ausgelabberten Badehosen ihrer großen Geschwister tragen müssen, hat sich Frau Antonmann heute beim Klassenbaden prächtig amüsieren können. Bei jedem Ausdembeckenklettern hingen die Hosen fast in den Kniekehlen. Und dieses hastige Hochziehen und dieses mich dann verschmitzt Anlächeln. Klasse.

(Kennen Sie eigentlich den Ausdruck Kimme?)

Es gibt Sätze, die begegnen mir in meinem Schulalltag immer wieder. Sätze, die mich stocken lassen. Sätze, die mich zum Kopfschütteln bringen. Sätze, Ausdruck einer inneren Haltung, die nicht meine ist.

Ein Beispiel gefällig: Ein Schüler verhält sich extrem agressiv anderen Kindern gegenüber und wird daraufhin, um die Konfliksituation auf dem Schulhof zu entschärfen, von einer Lehrerin zum Lehrerzimmer gebracht. Dort soll er sich hinsetzen und auf seine Klassenlehrerin warten. Die ganze Situation läuft natürlich nicht ruhig ab und die Emotionen des Schülers laufen auf Hochtouren. Lautstark und vehement weigert sich dieser, sich hinzusetzen und als er zum wiederholten Male dazu aufgefordert wird, fällt dieser Satz, der mich zusammenzucken lässt: Ja, wer bin ich denn?

Ja, wer bist du denn?

Vormittags Schule, nachmittags Familie. Die Arbeit bzw. der Umgang mit Kindern zieht sich wie ein roter Faden durch meinen Alltag. Und trotz dieses einen gemeinsamen Nenners wandle ich durch zwei Welten. Zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Wissen Sie eigentlich, in was für unterschiedlichen Lebenswelten Kinder in diesem Land aufwachsen? Ich habe eine leise Ahnung davon und doch keine Ahnung, denn nicht nur ich wandle zwischen den Welten, auch meine Schüler tun dies. Für viele Schüler haben die Werte, die ich Ihnen vermittle und die im Schulalltag gelebt werden, in ihrem häuslichen Umfeld keinerlei Bedeutung. Manchmal, wenn die Schüler mir einen Blick in ihre gnadenlose Lebenswirklichkeit gewähren, dann vermischen sich plötzlich diese Welten. Dann ist die Welt der Schüler auch in der Schule und die Welt der Schule trage ich in meine Welt nach Hause. Dann sitze ich beim Mittagessen auf heißen Kohlen, weil ich reden muss, aber nicht reden kann, solange die Kinderohren noch da sind. Dann muss ich reden, weil ich sonst zerspringe.

jetzt noch mal ganz langsam zum Mitdenken:

langer Vokal - ß
kurzer Vokal - ss

Das kann doch nicht so schwer sein. Auch nicht für die Leute von RTL.

Ist doch verrückt, dass ich mit nur einer Mutter sprechen muss, um meine gestrige Bilanz von Zweidrittel heute sprunghaft auf Dreiviertel zu verbessern.

Heute im Halbstundentakt diese Bilanz etwas aufgebessert und damit die Zeit bis zur Gesamtkonferenz kurzweilig erscheinen lassen. Nun kann ich verkünden, dass ich immerhin schon mit Zweidrittel meiner Elternschaft -stimmt nicht ganz, eins war nur die große Schwester - geredet habe.

Auf dem Nachhauseweg dann ordentlich auf die Tube gedrückt, um den Jüngsten noch einmal in den Arm nehmen zu können. Der spielte dann beim Zubettgehen das unterhaltsame Spiel Rollentausch: Ich Mama, du Anton. Gnadenlos und nicht ein Fehler wurde geduldet. Leider waren meine Konzentrationsleistungen diesem Spielchen nicht mehr ganz gewachsen und so kam es zu vielen empörten Beschwerden Nahain, ich bön doch die Mama. So viel Flexibilität konnte man von meinem matschigen Hirn nicht mehr erwarten. Bitteschön doch wirklich nicht.

Hüpfburg und Kiosk wurden nicht mehr gesucht, eine Toilette jedoch weiterhin schmerzlich vermisst.

Wir haben den Baumstumpf gefunden, in dem die Gummibärenbande (?) wohnt, im Matsch gegnatscht, Nacktschnecken gestreichelt, Bäume gefühlt, Blätter gesammelt und Mauselöcher bewundert.

Das Tollste aber war, ein Stöckertipi, das von anderen Kindern im Wald gebaut worden war, mit Hingabe und Ausdauer zu zerstören. Mit einem starken Wirtunetwaszusammengefühl und begeistertem Jubel, als endlich der letzte Stock am Boden liegt. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mit Schulklassen genau diese Situation erlebe und das hat mich nachdenklich gemacht.

Ich musste an kleine Kinder denken, die mit einem ebenso großem Eifer Bauklotztürme umschmeißen, immer und immer wieder. Es ist die noch einzige Möglichkeit eines kleinen Kindes, seine Umwelt zu verändern, Einfluss zu nehmen, Dinge zu bewegen, etwas zu erreichen. Ein großartiges Gefühl, ich erreiche etwas durch mein Tun. Erst nach dieser Umschmeißphase wächst die Fähigkeit, Dinge aufzubauen und dieses Aufbauen auch wertzuschätzen. Tagelang muss ein Duploturm im Zimmer stehen bleiben, ein besonders schweres Puzzle bleibt vorerst auf dem Teppich liegen, eine abenteuerliche Butze aus Decken und Kissen baut man am Abend nur äußerst widerwillig wieder ab.

Meine Schüler können bislang nur umschmeißen. Ich glaube, nächste Wochen müssen wir wieder in den Wald.

Elternabend an meiner Schule ist immer ein spannendes Ereignis. Spannend im Hinblick auf die Frage, wieviele Eltern denn wohl kommen werden. Schon am Vormittag die ersten Kollegengespräche Und, wieviele haben sich bei dir angemeldet? Über die Antwort rollen wir gemeinsam mit den Augen. Den Nachmittag zu Hause dann ein tiefes Gefühl von Unlust. Ist doch alles Quatsch, dieser Aufwand für die paar Hanseln.

Und nun die Rechnung: Die Schülerzahl in meiner Klasse bewegt sich in einem recht kleinen zweistelligem Bereich. Zu Beginn des Elternabends sind 1/6 aller Eltern anwesend. 50% der Eltern, die sich zuvor angemeldet hatten. Nach 10 Minuten dann noch ein Vater. Der kommt direkt von der Arbeit und hat auf dem Weg zur Schule noch flugs zwei Feierabendbierchen getrunken. Macht aber nichts, immerhin sind wir nun 1/4 aller Eltern.

Und? Können Sie rechnen? Und wissen Sie vielleicht auch noch, was Frau Antonmann als erstes gemacht hat, als sie wieder zu Hause war? 

Wenn Kinder im Alter von 7 oder 8 Jahren das erste Mal in ihrem Leben in einem Wald sind, dann fragen sie, wo denn die Hüpfburg und die Toilette seien, zeigen mir eine Handvoll Klimpergeld, weil sie sich beim Kiosk etwas kaufen wollen und wissen nichts anderes mit dem Wald anzufangen als mit Stöckern gegen Bäume zu schlagen.

Und dann sagst du deiner Lehrerin, wenn du zu spät zur Schule kommst Frau Antonmann, entschuldigung, dass ich zu spät bin, aber meine Mutter musste meinem kleinen Bruder noch seine Vitamine geben.

Hä?

Heute in der Klasse. Ein neuer Schüler kommt und mit ihm seine Mutter und der neue Lebensgefährte der Mutter. Wir plaudern über Materiallisten (tut mir Leid, ihr lieben geplagten Mütter, auch ich verteile diese Dinger), Stundenpläne und Schulwechsel. Plötzlich wird das Gespräch privat, denn Lebenspartner muss der Mutter unbedingt sagen, dass diese mit ihrem Sohn nun nicht mehr umzuziehen habe, denn nun würden sie ja bei ihm bleiben. Mutter beteuert daraufhin ihre große Liebe und Treue zum Lebenspartner und - nun halten sie sich fest - beide fangen an, wild zu knutschen und sich Mäusebärchengoldhaseworte ins Ohr zu flüstern.

Und ich stand irgendwie ganz dicht dran und krieg jetzt dieses Bild der sich stülpenden Lippen nicht mehr aus meinem Kopf.

Das Alltag hat mich wieder und leider mit voller Wucht. Wie immer fällt die Umstellung extrem schwer und ich kämpfe gegen das Gefühl, dass mir nach nur zwei Tagen alles zu viel zu werden droht.

Mist, Schule ist so anstrengend. Die Schülern fordern dich sofort und hundertprozentig. So viel muss bedacht, geplant, vorbereitet werden. Allein heute habe ich mit acht Kollegen acht Planungsgespräche geführt, mit zwei Müttern gesprochen und einem Familienhelfer telefoniert. So zwischendurch und hinterher. Alles wichtig. Es wirbelt in meinem Kopf.

Die kurze Heimfahrt nach Hause bringt nicht die erhoffte Entspannung (dass ich wieder Selbstgespräche am Steuer führe ist ein schlechtes Zeichen) und zu Hause geht es ungebremst weiter. Lotta braucht Unterschriften und Entscheidungshilfen zur Wahl ihrer AGs und des Projektunterrichts, sofort. Koppi trägt mir seinen gesamten Stundenplan vor (hätte er die Reimform gewählt, hätte mich das auch nicht mehr gewundert) und berichtet, dass die neue Lehrerin nicht besonders hübsch wäre, jedoch nur etwas schlechter als ich aussähe. Anton wacht früh und knautschig aus dem Mittagsschlaf auf und braucht ganz viel Mama. Der Rest der Familie braucht ganz viel Mittagessen. Termine drängeln sich in den nächsten Tagen und in meinem Kopf ist irgendwie kein Platz, mir alles zu merken.

Db Eva sagt, alles Schritt für Schritt. Also setze ich mich erst mal kurz aufs Sofa und heule. 

Liebe Trödelheinis, Mit50schleicherobwohl70erlaubtistfahrer, Plötzlichundohnegrundbremser,

heute ging das ja noch gerade so, da ich lediglich zum Warmwerden in der Schule war. Spätestens ab Donnerstag, wenn Frau Antonmann wieder auf den letzten Drücker unterwegs ist, sollten Sie sich jedoch zwischen Parken und Fahren entscheiden. Nicht irgendsowas komisches dazwischen. Sie schaffen das. Danke.

Mist, irgendwann sind die Ferien immer vorbei.

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(hier  - über)

So am Ende eines Schuljahres blickt man zurück und fragt sich was habe ich eigentlich erreicht bei meinen Schülern, was konnte ich bewegen? Ich weiß, dass ich kleinschrittig denken muss und, dass man schon genau hinsehen muss, wenn man Veränderungen sehen will.

Da ist z. B. T., der weint nicht mehr nach seiner Mutter. Schon ‘ne ganz Weile nicht mehr. Oder B., der zwar noch meilenweit entfernt von einer angemessenen Arbeitshaltung ist, mich aber wenigstens nicht mehr wuschig macht. Oder auch dieser Junge, bei dem einiges in Bewegung zu kommen scheint, so an strukturbildenden Maßnahmen.

Aber ich sage Ihnen, dass es ein hartes Geschäft ist, Kindern, bei denen es mit dem Lernen nicht so flutscht, Lesen, Schreiben, Rechnen und all’ das andere, was so zum Leben und Miteinander gehört, beizubringen. Und es ist schwer, trotz des gefühlten Stillstandes immer wieder weiter zu machen. 

(Hach, mir ist so irgendwie heut.)

In einen Bus zu steigen, in dem gerade eine Stinkbombe geplatzt war, ist bäh.

Ich habe Schnupfen, aber meine Schüler waren die ganze Busfahrt bestürzt, extremst bestürzt.

Zum Glück platzte die Bombe, bevor wir in den Bus gestiegen sind. Die gesamte Beige Army hätte sonst bestimmt uns verdächtigt.

Sollten Sie irgendwann mal Kinder in der Schule haben, dann stellen Sie bitte, bitte dem Lehrer ihres Kindes nie die Frage Und, wie macht er/ sie sich denn so?

Wenn Sie gerne wissen möchten, wie sich Ihr kleiner Schatz denn so macht, dann fragen Sie irgendwie anders, aber nicht so. Und wenn es denn nur so geht, dann fragen Sie bitte nicht jede Woche, so. 

Sie wissen das ja schon, ich hab’s mit Strukturen. Heute habe ich mich wieder dabei erwischt.

Jeden Freitag Sportunterricht. Dritte und vierte Stunde. Nach dem Sport alle Lichter löschen und die Türen der Umkleidekabinen abschließen. Vier Umkleidekabinen hat unsere Sporthalle, sind 8 Türen. Jede Umkleidekabine hat noch eine Tür zum Duschraum, also sind’s 12 Türen. Hinzu kommen dann eigentlich noch die Tür von der Lehrerumkleide und die Türen der Geräteräume. Die zählen aber nicht so richtig mit, weil die nicht in meine Abschließstruktur gehören.

12 Türen muss Frau Antonmann also jeden Freitag abschließen und in den entsprechenden Räumen die Lichter löschen. Eigentlich ganz einfach. In der hintersten Umkleide anfangen und sich dann Raum für Raum nach vorne arbeiten. Leider kommt mir dabei immer wieder die Variable Schüler in die Quere. Irgendwer steht doch länger unter der Dusche, irgendwer muss noch mal schnell auf’s Klo, irgendwer hat seinen Pulli in der Turnhalle vergessen, irgendwer kann sich die Schuhe nicht alleine zubinden und irgendein allgemeiner Trödler ist bestimmt auch immer dabei.

Also wird mein strukturbedürftiges Hirn jeden Freitag auf eine harte Probe gestellt. Es versucht, unter Einbindung der Variablen, ein einigermaßen strukturiertes Handeln zu planen. Das reinste Gehirnjogging.

Aber ein schönes Gefühl, wenn ich dann die 13. Tür, die der Turnhalle, abschließen kann. Jetzt hab’ ich verriegelt, jetzt hab’ ich verriegelt, alles hab’ ich jetzt verriegelt.

Frau Antonmann, heut’ ist Siebenschläfer.

Nein, gestern war Siebenschläfer.

Dann ist heute Sechsschläfer. Und morgen ist Fünfschläfer. Bei Nullschläfer ist dann Ende.

Heut ist so ein Tag. Nach so einem Kopfschmerztag wie gestern, kommt das vielleicht. Ich hänge durch und muss jetzt einfach schreiben. Und wenn Ihre Verfassung heute nicht optimal ist und Sie empfindlich sind, was die Lebenswelten anderer Kinder angeht, dann lesen Sie jetzt bitte nicht weiter.

Ich habe einen Schüler, der schläft im Unterricht immer ein.

Nun könnte man sagen, ach Frau Antonmann, was machen Sie aber auch für spannenden Unterricht. Aber eigentlich ist es viel zu ernst und ich merke, dass mich die Situation zunehmend belastet.

Was soll ich tun? Ich lasse ihn schlafen. Hinten im Klassenraum, auf der Leseeckenbank. Wenn ich sehe, dass sein Kopf zu schwanken beginnt, dann greife ich ein und verfrachte ihn in die Waagerechte. Manchmal schläft er aber auch mitten beim Arbeiten ein und dann liegt er mit dem Kopf auf dem Tisch.

Was soll ich tun? Ein Zweitklässler, der so müde ist, dass er mir droht im Sitzen vom Stuhl zu fallen, kann nichts lernen. Also lasse ich ihn schlafen. Phasenweise jeden Tag. Erste und zweite Stunde. Nach der großen Pause geht’s dann meistens besser.

Was soll ich tun? Ein Kind, dass nachts um halb 12 noch zum Spielen aus dem Haus verschwindet. Eltern, die in keinster Weise Strategien haben, sich gegen die nächtlichen Ausflüge durchzusetzen. Eltern, die so inkonsequent sind, dass es einem gruselt. Eine Familienhelferin, die, in ihren Bemühungen um die Kinder, gnadenlos vom Vater untergraben wird.

Was soll ich tun? Eine Situation, die so verfahren und komplex ist, dass man mit einem simplem, die Kinder müssen da raus, nicht weiterkommt.

Was soll ich tun?

Heute weine ich um dieses Kind und morgen habe ich wieder die Kraft, nach einem Weg zu suchen. Und, ich lasse ihn schlafen.

Ich bin Verona Feldbusch.

R. (9): Frau Antonmann, du klingst wie die Frau von Dieter Bohlen.

 

Frau Antonmann, das sind wir beide zusammen am Strand. Ich spring’ vor Freude ganz hoch.

Als Kind dachte ich immer, dass Lehrer unter ihrem Pult einen roten Knopf haben, den sie drücken können, wenn sie mal plötzlich aufs Klo müssen. Dann käme eine Vertretung und der Lehrer könnte heimlich aufs Klo gehen. Ich hatte nämlich nie erlebt, dass ein Lehrer im Unterricht sagt Ich muss mal.

Heute, da war ich mit meinen Schülern draußen. Freundschaftssteine lackieren. Und, während die Steine trockneten, so’n Wahrnehmungsspiel. Mitten im Spiel Frau Antonmann, ich muss mal. Und innerhalb von 15 Sekunden spürten plötzlich 5 weitere Kinder ihre volle Blase.

Wenn ich in der Schule in der Pause auf’s Klo gehe, denn denke ich, ach so machen Lehrer das.

Ein Schulfest ist für Lehrer am spaßigsten, wenn die Besucher noch nicht da sind und, wenn sie wieder weg sind.

Ich habe in meinem Beruf mit Kindern zu tun. Klar. Aber auch mit Erwachsenen, mit einfachen und schlichten Erwachsenen, Eltern von Kindern. Mittlerweile ein kleines Päckchen an Erfahrungen. Ich erlebe Unfähigkeit, Hilflosigkeit, Bemühtheit und Fahrlässigkeit.

Und ich weiß, dass, wenn eine wildfremde Person glaubt, dass sie mit dem, was sie von sich gibt, verletzen könne, dass diese Person die Weisheit lediglich mit der Gabel gefressen haben kann. Wirklich verletzen kann sie jedoch nicht, weil ihre Meinung nichts bedeutet.

Einige meiner Schüler wissen mit sich und ihrer Umwelt manchmal auch nichts anderes anzufangen, als zu ärgern und zu verletzen. Das ist zwar sehr nervig, aber schaut man sich diese Kinder einmal genau an, dann sind letztendlich sie die armen Schweine und das letzte Glied in der Kette.

Der Satz, ich habe einen Euro für deine Klassenkasse dabei, bekommt eine ganz neue Perspektive, wenn das Kind statt Klassenkasse Krankenkasse sagt.

Lotta war heute im Rahmen des Zukunftstags bei mir mit in der Schule. Das ist zwar nun nicht so der “typische Männerberuf”, in den sie da reingeschnuppert hat, aber Mädchen dürfen ja durchaus auch Interesse an typischen Frauenberufen haben.

Verrücktes Gefühl, mit der Tochter über den eigenen Beruf zu reden, so ganz erwachsen. Sie wollte viel von mir wissen, zu meinem Schülern, zu bestimmten Ritualen in der Klasse und zu meinem Tages- bzw. Arbeitsablauf.

Und hinterher gab’s dann noch ein töchterliches Resümee.
1. Es ist komisch, seine Mutter in einer anderen Rolle zu erleben.
2. Das ist nicht negativ gemeint.
3. In der Klasse ist die Mutter nicht Mutter, sondern Lehrerin.

Gudrun will es aber auch immer ganz genau wissen. (Ich verschone dich jetzt mit der spannungsreichen Familienversion, sondern berichte die nackte Wahrheit meines Feuersbrunstabenteuers.)

Ich stand auf dem Schulflur und plauderte mit einer Kollegin über die Unfähigkeit des Jugendamtes der Stadt, in der meine Schule liegt. Ein Schüler erkundigte sich im Vorbeigehen nach dem Hausmeister. Da wir nicht wussten, wo der sich mal wieder rumtrieb sich gerade aufhielt, fand der Schüler, es sein nun an der Zeit, uns darüber zu informieren, dass es auf dem Jungenklo brennt. Ich wollte wissen, ob er das Feuer hätte löschen können und als er sagte, dass es nicht ginge, da das Feuer zu groß wäre, fanden meine Kollegin und ich, dass es nun an der Zeit sei, zu rennen. Im Vorbeilaufen schnappte ich mir gleich den Feuerlöscher von der Wand.

Auf dem Klo brannte ein großer Plastikmülleimer. Es qualmte und stank fürchterlich. Meine Kollegin versuchte zunächst mit Wasser aus dem Waschbecken zu löschen, was natürlich keine tolle Idee war, denn das verursachte hohe Stichflammen und das Plastik spritzte durch die Gegend. Ich benötigte drei kurze Anläufe, um den Feuerlöscher in Gang zu bekommen und dann war das Feuer schnell gelöscht. Die Schweinerei war  ziemlich groß. Die Ecke, in der der Mülleimer stand, war pechschwarz, alles war mit verbrannten Platikspritzern übersäht und über den Boden verteilte sich der Feuerlöschschaum.

Natürlich macht man sich hinterher Gedanken, was wäre wenn. Wenn der Schüler nicht zufällig den Brand bemerkt hätte. Wenn das Feuer auf die Holztoilettentür übergegangen wäre, der Mülleimer stand genau daneben. So ist alles gut gegangen und am nächsten Tag hat unser Schulleiter auch die drei Brandstifter (bravo, Jungs!) herausgefunden.

Und ich habe heute darum gebeten, wenigstens einen kleinen Orden für meine Heldentat zu bekommen. Jeder tapfere Feuerwehrhund bekommt eine dämliche Auszeichnung, da muss doch auch eine kleine Anstecknadel für Frau Antonmann drin sein.

B. ist seit heute neu in meiner Klasse. Eigentlich sollte er erst nach den Sommerferien kommen, aber es war wohl nötig, dass so bald wie möglich.

Wirbelt der auch nicht meine Klasse durcheinander? - Nein, der ist ganz süß, den musst du nur etwas streicheln.

Und schon nach einem Tag macht mich dieses Kind ganz wuschig.

* Buchstaben vom Namensschild ausmalen. Muss dieses Kind so einen langen Namen haben? Kann der nicht einfach Bob oder Ben heißen? Wäre schneller gegangen.

* Buntstifte einpacken. Hat mich das Kind nicht verstanden, oder warum baut es ständig Türme aus seinen Stiften? Sehr kunstvoll, aber am Thema vorbei.

* Din A 4 Blatt rot antuschen (für spätere Marienkäferbastelei). Alles ist rot, Pulli, Tisch, Gesicht, Hose und Fingernägel (liebevoll bemalt).

* Hände waschen. Zehn Minuten lässt B. Wasser über seine Hände laufen und strahlt dabei sein Spiegelbild an. Die Schlange von Kindern, die doch einfach nur ihr Tuschwasser entsorgen wollen, staut sich bis auf den Flur. Nun aber zacki zacki ruft Ch. und hört sich dabei an wie Frau Antonmann.

Ich freue mich auf morgen. Der B. ist ganz süß. Zum Abschied hat er mir fröhlich gewunken und ich habe ihm fröhlich über den Kopf gestreichelt. 

Ich habe meine Schüler bestochen. (War aber für einen guten Zweck, einen sehr guten.)

Wenn ihr heute in der 2. Stunde …, dann gehen wir in der 5. Stunde …

Und in der 5. Stunde gab es dann Eis und Hagelschauer für alle.

Du, sagt M., du Frau Antonmann. Weißt du was ich werden will? Lehrerin. - Du kannst nicht Lehrerin werden. Du bist ein Junge, du kannst nur Lehrer werden. - (Tränen in den Augen) Ich will aber Lehrerin werden, so eine nette wie du.

Du Guter.

Die Kinder in der Schule spielten heute Lotto Sonore (Geräusche zu Alltagssituationen). Zu hören war ein Staubsauger und S. zeigt auf das Bild mit dem Staubsauger. Ich frage Was macht der Papa denn da? und S. starrt mich mit riesigen Augen an. Fassungslos, völlig irritiert und unfähig zu antworten. Na gut, ich bin nett und formuliere meine Frage um. Was macht die Mama denn da? S.: Staubsaugen. Und die Welt ist wieder heil.

(Dank Larissa wissen wir, dass wenigstens die Heldinnen der Kinderliteratur noch nicht alle wieder an den Herd und an den Staubsauger geschlichen sind.)

Manchmal muss ich beim Mittagessen von der Schule erzählen. Heute, von T. (der mit der netten Mutter)

T. weint noch immer mehrmals täglich im Laufe des Schulvormittags. Er wartet ab 8 Uhr 15 auf seine Mama, fragt nach ihr, will wissen, wann er aus hat, vermisst seine Mama. Dicke Tränen kullern und das ist traurig. Seit gestern bekommt er kleine Bildkarten von mir auf seinen Tisch geklebt, die ihm den Tagesablauf bis zum Nachhausegehen verdeutlichen. Er weint und fragt deshalb nicht weniger, aber man kann ihm so wenigstens zeigen, was noch alles gemacht wird, bis die Schule für ihn aus ist. So Lehrermethodenkram halt.

Davon berichte ich der Familie, sie bedauert mich etwas und versichert mir, dass ich es echt schwer habe.

Und Koppi hat eine tolle Idee: Wenn T. nicht kapiert, wann seine Mama kommt, dann sagst du einfach noch 12 mal weinen, dann kommt deine Mama. So einfach ist das.

Nicht nur sie kleidet sich zur Faschingszeit gemäß ihrer eigentlichen Berufung. Auch mir wurde heute ein Nonnenkostüm angeboten, so dass mein Verkleidungsnotstand für Montag behoben ist. Ob ich es jedoch den ganzen Schulvormittag damit aushalte, wird sich zeigen.

Jetzt darf nur niemand das Kostüm zu Hause vergessen.

Bilanz eines Elternsprechtages:

- Die Mutter von M. redet nur über den jüngeren Bruder von M. Sie redet ganz leise und etwas undeutlich.
- Die Mutter von P. hat heute Vormittag abgesagt.
- Die Mutter von K. kommt mit Familienhelfer. Der schreibt sich auf, welche Dinge K. in seinem Etui haben soll.
- Die Mutter von M. bringt ihr Baby mit. Das Baby hat Schnupfen und weint einmal ganz kurz.
- Die Mutter von T. ist einfach nur nett. Wir hoffen beide, dass T. bald nicht mehr so oft weint in der Schule, weil er seine Mutter vermisst.
- Die Oma von C. hat am Anfang Tränen in den Augen. Sie erzählt von traurigen Dingen.
- Die Eltern von R. bringen auch das Baby mit. Das Baby schläft und der Vater ärgert sich über R.s Handy.
- Der Vater von M. kommt mit Dolmetscher. Das Handy vom Vater klingelt und er telefoniert kurz. Das übersetzt der Dolmetscher nicht.
- Die Mutter von S. kommt nicht, dafür aber die Familienhelferin. Das ist sehr schön, so können wir uns ungestört unterhalten und einige Unglaublichkeiten austauschen.

Du, Frau Antonmann, soll ich dir mal was erzählen?
(Nein, ganz ehrlich, es interessiert mich jetzt gerade nicht, dass dein Hund heute Morgen an deinem Hausschuh geknabbert hat, dass deine Mutter auch ganz leckere Pfannkuchen backen kann, dass du gestern über einen Stein gestolpert bist.)
Ja, leg los.

Du, Frau Antonmann, ich geh’ jetzt mal auf’s Klo!
(Geh doch einfach. Musst du mir das jedes Mal erzählen? Du weißt doch, dass du einfach gehen darfst.)
Ist in Ordnung, wasch dir aber die Hände hinterher.

Du, Frau Antonmann, G. hat mich in der Pause geschubst.
(Tja, das passiert halt mal, wenn man sich ständig mit anderen Kindern streiten muss. Pech gehabt.)
Echt, das ist aber nicht richtig. Tut es noch weh? Habt ihr euch schon wieder vertragen oder müssen wir die Sache zusammen klären?
(Bitte, bitte, lass es ihr nicht mehr wehtun, lass sie sich wieder vertragen haben, sonst kann ich ewig nicht anfangen mit meinem Unterricht.)

Du, Frau Antonmann, das schenk ich dir.
(Oh je, schon wieder ein Bild.)
Oh, das ist aber ein schönes Bild. Schreibst du noch deinen Namen drauf, dann kann ich es mit nach Hause nehmen und über meinen Schreibtisch hängen.

Du, Frau Antonmann, du bist die netteste Lehrerin überhaupt.
(Hach, wenn ihr wüsstet.)

Ja, die Halbjahrszeugnisse stehen wieder vor der Tür. Der Drücker auf den ich arbeite könnte zwar noch letzter sein, aber so richtig ökonomisch habe ich mir die Zeit mal wieder nicht eingeteilt. Während andere Kollegen schon nach Zeugnispapier zum Ausdrucken fragen, schlage ich mich noch mit Arbeits- und Sozialverhalten rum und bekomme meinen Wie soll ich nur Kinder, Küche und Karriere gerecht werden? Durchhänger.

Nicht witzig fanden meine Kinder heute Morgen die Nachricht, dass in der Stadt, in der meine Schule liegt, der Unterricht ausfällt, dass in der Region, in der ihre Schulen liegen, der Unterricht generell stattfindet, dass die Eltern entscheiden können, ihre Kinder nicht in die Schule zu schicken, falls der Schulweg eine Gefährdung für das Kind bedeuten würde und dass wir keine Gefahr für Leib und Seele sahen und unsere Kinder einfach in die Schule schickten.

So ganz konnte Koppi außerdem nicht verstehen, dass ich mich so über diese Nachricht freute, denn zur Schule musste ich ja trotzdem. Aber das kann man wohl nur als Lehrer begreifen ;-)

Um das schreckliche Bild vom überfahrenen Igel (von dem ich übrigens glaube, dass Gudrun leider nicht Recht hat) wieder aus meinem Kopf zu bekommen, habe ich heute mit meinen Schülern gaaanz süße, schnuffelige und total lebendige Igel getuscht und dazu aus Herbstlaub große Blätterhaufen geklebt, in denen sich die Igel gemütlich für den Winterschlaf einkuscheln können. Morgen nehme ich meine Kamera mit, um Fotos davon nachzuliefern.
Und, vielleicht kann ich Koppi am Wochenende dazu animieren, sich dem Thema Igel noch mal von einer anderen Seite zu nähern.

Wenn sich der Vater morgens krank meldet, tritt bei uns der folgende Notfallplan in Kraft:
Anton muss mit mir zur Schule (lulu mit)

Wir haben den Tag gut überstanden und ich singe ein Loblied auf eine kleine Packung Gummibärchen, die derzeitige Rübenkampagne, die nahegelegene Zuckerfabrik und die 63 Trecker, die uns auf dem Heimweg begegnet sind. Somit ist Anton im Auto nicht eingeschlafen, sondern konnte hier zu Hause wie ein Stein in sein Bett fallen.

Meine Demenzproblematik weitet sich dramatisch aus.

Nach sechs Stunden Schule bin ich so von der Rolle, dass ich beim Tanken auf dem Nachhauseweg ohne zu Bezahlen ins Auto steige und wegfahre. Zwei Minuten später meldet sich mein Bewusstsein zum Glück wieder zurück (ich kann mich tatsächlich nicht erinnern, dass ich ins Auto gestiegen bin), ich drehe um und der nette Tankwart nimmt seine Anzeige bei der Polizei sofort wieder zurück. Ich muss wirklich elend ausgesehen haben.

Läusealarm in meiner Klasse - wenn ich nur daran denke, juckt überall bei mir.

Dank einer Lieblingskollegin habe ich heute den ganzen Tag ihr neues Geburtstagslied im Ohr - und an einer Stelle weiß ich den Text nicht mehr, grrr.

M. (9) ist heute abgehauen, wiedergekommen und am Mittag fröhlich nach Hause gegangen.

Ein kleiner Erfolg?
Bitte, ich könnt’s gut gebrauchen.